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Mensch und Technik

Ein historisches Triple-A-Rating

Ein Rückblick von Jan Ehlert, NDR

Im Valley nichts Neues?
Wird die Digitalisierung das Ende der Zivilisation hervorrufen, wie wir sie kennen? Die Reihe der Untergangspropheten ist lang, das ist angesichts von Massenüberwachung, Hate Speech und immer klüger werdenden Maschinen wenig überraschend: Selbst Physiker Stephen Hawking kam schon 2014 zu dem Befund: „Die Entwicklung künstlicher Intelligenz wird die größte Erfindung der Menschheit sein. Aber auch ihre letzte“.

Anstatt aber allzu schwarz zu sehen, hilft der Blick in die Geschichte, sagt Andreas Rödder. Denn was wir derzeit erleben, sei nicht neu. Auch die Entwicklung der Dampfmaschine und ganz besonders die der Elektrizität hätten die Menschen vor ähnliche Erfahrungen und Aufgaben gestellt. Und tatsächlich klingt es verblüffend aktuell, was Rödder in einer Zeitung aus den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts gefunden hat: „Die Elektrizität, die wir uns so sehr Untertan gemacht haben, hat sich bitter an uns gerächt, indem sie sich in uns hineinverpflanzt hat und uns nun zwingt mit aller nur denkbaren Anspannung und Schnelligkeit zu arbeiten.“

Ständig unter Strom – zum Glück
Rödder verweist daher auf ein wiederkehrendes Muster der Menschen, wenn sie mit neuen Technologien konfrontiert sind: ein historisches Triple-A aus Angst, Abwehr und schließlich Anverwandlung. Und wie sehr gerade der letzte Teil möglich ist, das wird jeder merken, der heute versucht, auch nur ein paar Stunden ohne Elektrizität auszukommen. Es scheint, als haben wir diese Technik ganz natürlich in unseren Alltag übernommen – trotz aller Untergangsbefürchtungen der damaligen Zeit.

Soweit das Beruhigende, doch die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise – die nicht zuletzt auch von Algorithmen ausgelöst wurde – hat schon so manches sicher geglaubte Triple-A ins Wanken gebracht. Auch Rödder räumt daher ein, dass „die Geschwindigkeit und Verdichtung von Informationen so zugenommen hat, dass die Quantität gleich in eine neue Qualität umgeschlagen ist“. Und diese Quantität, die fast nicht mehr messbare Anzahl von erhobenen Daten, biete neben vielen Chancen eben auch viele Gefahren.

Wir haben es in der Hand
Anstatt aber der Technik daran die Schuld zu gebe, sollte sich der Blick mehr auf den Menschen richten. Dieser sei den Kräften nicht schutzlos ausgeliefert, sondern müsse stark gemacht werden für die digitale Welt. Wie das gehen kann, hat beispielsweise Marina Weisband auf dem Bucerius Lab-Symposium auf Kampnagel dargestellt. Denn am Ende entscheiden die Userinnen und User, welche Firmen des Silicon Valley sie stark machen oder nicht. Technisch sind ähnliche Produkte wie Facebook und Google, wie Aral Balkan zeigt, ohne das Sammeln von persönlichen Daten ohne weiteres möglich.

Das klingt unwahrscheinlich? Dann hilft auch hier der Blick zurück, um besser nach vorn zu schauen: Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht – diese Weisheit stammt von Aristoteles. Wie die Zukunft der Digitalisierung aussehen wird, das können wir nicht wissen. Aber: Sie wird sicher ganz anders, als wir heute glauben – das gilt für die Weltverbesserungsideologien aus dem Silicon Valley genauso wie für die Untergangsszenarien.

Zum Weiterdenken:

  • Was können wir aus der Geschichte für unsere heutige Zeit lernen?
  • Welche Vorteile hat die Digitalisierung gebracht, auf die wir nicht mehr verzichten wollen?
  • Welchen Einfluss und welche Gestaltungsmöglichkeiten hat die Politik?
  • Wie kann dieser Einfluss gestärkt werden?
  • Wie können wir die Digitalisierung menschlicher / ethischer gestalten?
Andreas Rödder

Lab Lecture #2

09.05.2016

Bucerius Law School
Jungiusstraße 6
20355 Hamburg

Andreas Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er beschäftigt sich mit Wertewandelprozessen im 20. Jahrhundert sowie mit der jüngsten Zeitgeschichte seit 1990. Vor kurzem ist sein Buch 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart erschienen.

 

Der ganze Vortrag im Video

Die Diskussion mit Jan Ehlert (NDR) im Video

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