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Neuer Schwerpunkt: Stadt.Land.Zukunft

2019 startete der dritte Schwerpunkt des Bucerius Labs: Stadt.Land.Zukunft. Dazu haben wir eine Reihe von Statements von Expertinnen und Experten eingefangen, warum wir uns als Zivilgesellschaft mit dem Thema beschäftigen müssen...
Statements von der Lunch Session #1

Ulrich Baehr

Ulrich Bähr

Leiter des Projekts CoWorkLand, Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Coworking Spaces sind ja eine urbane Erfindung, warum braucht es dieses Konzept aus deiner Sicht auf dem Land?

„Auf dem Land braucht es andere Coworking Spaces als in der Stadt. Aber es braucht sie, um innovativen Leuten die Möglichkeit zu geben, auf dem Land zu leben und auch, um denen Räume zu bieten, die bereits dort sind. Für das Zusammentreffen dieser beiden Gruppen, also für das Schaffen einer Community, ist es wichtig, Begegnungsorte zu schaffen. Solche hybriden Orte sind gerade spannend, weil da viele Themen zusammentreffen können, die im Augenblick auf dem Land wegbrechen. Für Coworking Spaces generell braucht man aber einen gewissen Mut, weil im Augenblick die kritische Masse der Nutzer noch nicht erreicht ist.“

Davis Eisape

Davis Eisape

Business & Strategy Smart City, Deutsche Bahn

Vom Bahnhofsort ausgehend, wie kann der Spaltung zwischen Stadt und Land in Deutschland entgegengewirkt werden? Was ist euer Ansatz und auf welche Schwierigkeiten stößt ihr?

„Mit Ideen wie Coworking Spaces in Bahnhöfen außerhalb von großen Städten, wollen wir einen positiven Effekt in der Stadt-Land-Thematik leisten. Natürlich sind wir damit nicht das alleinige Mittel gegen Landflucht, aber wir leisten einen Beitrag. In unseren Räumen können Menschen arbeiten und vielleicht bleiben sie dadurch in der Umgebung. Der Bahnhof kann also noch viel mehr Funktionen haben als nur Mobilität. Aber: Jeder Ort ist unterschiedlich. Wir müssen uns fragen: In welchem Zustand ist das Bahnhofsgebäude? Wie viel müsste man dafür investieren? Passt unsere Idee zur Gemeinde? Und lohnt sich das? Denn wenn wir einfach nur Geld zuschießen und ein Projekt künstlich am Leben halten, ist das nicht langfristig. Der Ort hat dann auch nichts davon. Wir müssen also identifizieren, wo unsere neuen Geschäftsmodelle funktionieren und einen positiven Effekt mit sich bringen können. Das wiederum ist nicht so einfach, weil man viel mit Annahmen arbeiten muss. Wir versuchen deshalb, so konservativ wie möglich trotzdem innovativ zu sein.“

Silvia Hennig

Silvia Hennig

Gründerin des Think Tanks neuland21 e.V. und Co-Autorin der Studie „Urbane Dörfer. Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann“, die im August 2019 veröffentlicht wurde

Was brauchen junge, digital offene Menschen, damit sie überhaupt aufs Land ziehen?

„Junge Menschen brauchen vor allem andere Menschen. Sie wollen den Austausch mit Gleichgesinnten, wie sie es aus der Stadt kennen. Also solche Gruppen, die man im Englischen als „Peers“ bezeichnet. Allein das Hinlegen von einem Internetkabel oder zu sagen „hier ist noch Platz“, zieht die Leute nicht an. Als Effekt haben wir in unserer Studie beobachtet, dass Menschen also vor allem dahin gehen, wo sie solche Gleichgesinnten schon finden. Dadurch entstehen tatsächlich jenseits der Speckgürtel aus eigener Kraft sogenannte Speckwürfel. Aber man braucht immer Pioniere. Nur wenn die Pioniere es schaffen, noch mehr Leute aufs Land zu ziehen, dann kann eine Aufwärtsspirale entstehen und eben diese Speckwürfel. Die Pioniere haben es jedoch manchmal ziemlich schwer und wenn es zu schwer ist, dann ziehen sie auch wieder zurück.“

Katharina Heckendorf

Katharina Heckendorf

Journalistin

Coworking Spaces sind ja eine urbane Erfindung, warum braucht es dieses Konzept aus deiner Sicht auf dem Land?

„Auf dem Land braucht es andere Coworking Spaces als in der Stadt. Aber es braucht sie, um innovativen Leuten die Möglichkeit zu geben, auf dem Land zu leben und auch, um denen Räume zu bieten, die bereits dort sind. Für das Zusammentreffen dieser beiden Gruppen, also für das Schaffen einer Community, ist es wichtig, Begegnungsorte zu schaffen. Solche hybriden Orte sind gerade spannend, weil da viele Themen zusammentreffen können, die im Augenblick auf dem Land wegbrechen. Für Coworking Spaces generell braucht man aber einen gewissen Mut, weil im Augenblick die kritische Masse der Nutzer noch nicht erreicht ist.“

Dr. Ole Keding

Dr. Ole Keding

Innovationsmanager und Landbewohner

Im ZEIT-Wirtschaftsrat hast du mit Lesern und Leserinnen von Berlin bis Schwaben über die Gräben zwischen Land und Stadt diskutiert. Welche Unterschiede, welche Gemeinsamkeiten hast du da herausgehört?

„Auffällig war, dass die Leute oft aneinander vorbeireden und es wenig Verständnis füreinander gibt – zum Beispiel, wenn es um Kultur geht: Städter wollen nur aufs Land gehen, wenn sie dort Gleichgesinnte finden. Ländler hingegen sagen: „Bei uns gibt es doch viel mehr als nur Wanderwege“. Bei dem Ruf nach Coworking Spaces frage ich mich, wie viele Leute auf dem Land das wirklich nutzen können. Ob auf dem Dorf oder in der Stadt – die Mehrheit muss doch immer noch am Arbeitsplatz präsent sein. Der Großteil an Firmen erlaubt seinen Mitarbeitern schlichtweg kein Homeoffice. Und wenn sie es doch nutzen können, landen diese Mitarbeiter schnell auf der Abschiebebank: Untersuchungen zeigen, dass diejenigen, die nicht im Büro sitzen, seltener Karriere machen. Auch ein paar Freelancer werden in den extrem schrumpfenden, armen Regionen das Ruder nicht rumreißen. Ohne Änderungen im Kern des Problems wird sich die Schere zwischen armen und reichen Regionen nur noch weiter aufziehen.“

Fynn Kliemann

Fynn Kliemann

Künstler, Unternehmer und Hofbesitzer („Kliemannsland“)

Was braucht man aus deiner Erfahrung mit dem Kliemannsland, um auf dem Land erfolgreich etwas lostreten zu können und was hältst du von Coworking Spaces auf dem Dorf?

„Das Land lädt uns doch alle durch viel Platz, unbegrenzte Möglichkeiten und erschwingliche Grundstückspreise dazu ein, es mit Leben zu füllen. Klar, ich kenn hier und da ein paar Leute, weil ich diesen Ort nie verlassen habe, aber jeder kann das machen, was ich mache. Internet gibt es hier besseres als in der Stadt, die Brötchen sind super und über Social Media kann man der Welt sehr transparent und authentisch zeigen, wie schön es ist und damit leicht Menschen für gute Ideen zusammenbringen. Nichts anderes tut das Kliemannsland.

In der Stadt spricht man viel über die Dinge, die man tun möchte. Auf dem Land tut man sie einfach. Wenn diese beiden Welten aufeinandertreffen, entsteht erfahrungsgemäß unheimlich spannendes Zeug. Dazu muss man nicht mal viel planen und zwangsweise Coworking Spaces etablieren. Dörfler teilen gerne, und was es nicht gibt, wird einfach gebaut. Viel Freiheit und geringe Kosten für alle sind genauso wichtig wie ein guter Draht zum Bauamt.“

Sabine Schmelzer

Sabine Schmelzer

Rentnerin, zieht aufs Land

Spielen Sie mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen? Wenn ja, warum?

„Ich habe mir gerade ein Grundstück auf dem Land gekauft und ziehe nächstes Jahr aus der Stadt weg. Aufs Land gehe ich, weil ich gerne meine Ruhe haben möchte und mir als alter Mensch eine bessere Lebensqualität erhoffe. Mein Vorteil ist dabei aber, dass ich die ganze Problematik, die auf der Veranstaltung besprochen wurde, nicht mehr teile, weil ich Rentnerin bin. Wenn man jung ist und voll in den Beruf einsteigen will, sprich Karriere machen möchte, dann stelle ich mir diesen Schritt nach wie vor sehr schwierig vor. Da muss noch einiges mehr an Infrastruktur, etc. gebildet werden.“ 

Manfred Cordes

Manfred Cordes

Rentner, wohnt auf dem Land

Was können wir heute schon vom Land lernen – wo ist es der Stadt überlegen? Und was sind die Defizite, an denen wir arbeiten müssen?

„Das Land ist meiner Meinung nach der Stadt in der Nähe der Mitmenschen überlegen: Ich wohne in einer Gemeinde mit 1500 Einwohnern und bin bei uns innerhalb von kürzester Zeit angekommen. Seit vier Jahren bin ich jetzt da, eigentlich komme ich aus Hamburg. Schwierig auf dem Land ist das Einkaufen. Obwohl wir eigentlich Supermärkte, Friseure und Gaststätten im Dorf haben – also relativ gut angebunden sind. Aber dort gibt es natürlich nur eine begrenzte Auswahl. Um das ein oder andere einzukaufen, muss man also in die nächstgrößere Stadt fahren.“

Dr. Stefanie Gengnagel

Dr. Stefanie Gengnagel

Ärztin, wohnt in der Stadt

Ist es für Sie interessant aufs Land zu ziehen? Was hindert Sie bisher daran?

„Prinzipiell finde ich das Thema urbanes Leben und Raumkonzepte auf dem Land spannend. Ich kann gut nachvollziehen, dass wenn man dort Gleichgesinnte findet, die Attraktivität aufs Land zu ziehen enorm steigt. Aber ich selbst bin Ärztin. Für uns kommen Orte, an denen man vor allem digital arbeitet, tatsächlich einfach nicht in Frage. Wir sind nicht so flexibel – brauchen ganz klar ein Krankenhaus und seine Infrastruktur. Klar kann man auch argumentieren, dass gerade viele Ärzte auf dem Land gesucht werden. Aber trotzdem glaube ich, dass man dann unter Umständen nicht Teil der hippen, urbanen Dörfer wird, sondern irgendwo in einer kleinen Klinik alleine sitzt. Die Anbindung an die modernen, urbanen Orte, die angeblich gerade überall entstehen, könnte also schwierig werden. Wenn es wiederum Treffpunkte gibt, zu denen man dann privat hingehen kann, sieht es natürlich anders aus. Davon habe ich aber noch nichts gehört. Persönlich kenne ich auch keinen, der diesen Schritt schon gegangen ist.“

Elisabeth Lewandowski

Elisabeth Lewandowski

arbeitet für ein Coworking Space und wohnt in der Stadt

Wo sehen Sie als Berufstätige in der Stadt notwendige Voraussetzungen für einen Umzug aufs Land? Können Sie sich vorstellen, auf dem Land zu wohnen?

„Ich denke nicht so viel darüber nach aufs Land zu ziehen. Zum einen, weil ich gerade einen neuen Job in der Stadt angefangen habe. Zum anderen bin ich in einer Partnerschaft – die Entscheidung ist also auch von der Tätigkeit einer anderen Person abhängig. Weil mein Partner ebenfalls beruflich an die Stadt gebunden ist, wohnen wir hier. Alternativ könnte ich mir schon vorstellen, in den Speckgürtel zu ziehen und dann zu pendeln. Aber ganz aufs Land zu ziehen, das Bedürfnis hatte ich bisher noch nicht so stark. Ich kann mir aber vorstellen, dass es sich entwickelt, wenn die Gegebenheiten stimmen. Wichtig wäre dann gerade die Infrastruktur auf dem Land und eine Tätigkeit bei einem Arbeitgeber, der Homeoffice oder Remote Office erlaubt bzw. fördert.“